Israelische Armee testet neue Taktiken gegen Proteste

nilin lachender Soldat (picture 04)-schnittNi’lins Freitagsproteste beginnen nach dem Freitagsgebet unter den Olivenbӓumen am Rand des Dorfes und führen zur israelischen Annexionsmauer, die Ni’lins Bauern von ihren Feldern und Olivenbӓumen trennt. Seit 2008 werden die Proteste gegen die fortgesetzte israelische Kolonisierung der besetzten Westbank jede Woche durchgeführt. Am 22. November richteten sich die Botschaften der Demonstranten gegen die intensivierte israelische Repression in Jerusalem und drückten die Solidaritӓt der Bewohner Ni’lins mit den Palӓstinensern aus, die um die Al Aqsa Moschee kӓmpfen.

Aber die Situation in Ni’lin hat sich seit Juni verschlechtert: Bevor die Protestteilnehmer die Annexionsmauer erreichen kӧnnen, greifen israelische Soldaten die Demonstranten mit Trӓnengas und Plastikstahlkugeln an; die Gaskanister werden oft direkt auf die Menschen abgefeuert. Die Soldaten versuchen, die Demonstranten schon in Dorfnӓhe abzufangen und jagen Protestteilnehmer mit Jeeps. Eine weitere Taktik ist der Einsatz von Scharfschützen, die Demonstranten in die Beine schiessen, damit die Soldaten sie leichter festnehmen kӧnnen. Zuerst bemerkten die Dorfbewohner nur einen Scharfschützen, aber inzwischen hat sich die Zahl auf drei erhӧht. Die Erfolgsrate der israelischen Besatzungsarmee für diese Manӧver ist trotzdem nicht sehr hoch: Bisher wurden 13 Menschen am Bein verletzt, aber nur ein Demonstrant wurde festgenommen. Die Organisatoren der Proteste sagen, dass Ni’lin ein Laboratorium für militӓrische Taktiken ist, die die Solidaritӓt der Dorfbewohner testet und die Protestaktivitӓten entmutigen soll. Wenn sich die Aufmerksamkeit der Welt auf die friedliche Widerstandsbewegung in der Westbank reduziert, verschӓrft die israelische Armee ihre Unterdrückung der Proteste.

Die israelischen Streitkrӓfte haben mehr als 40 Demonstranten in Ni’lin mit scharfer Munition verletzt. Elf mit 5,56 Kaliber Kugeln und mehr als 29 mit o.22 Kaliber Kugeln.

Seit Mai 2008 wurden fünf Einwohner Ni’ilins durch den Einsatz von scharfer Munition getötet. Der amerikanischer Aktivist Tristan Anderson wurde 2009 schwer verletzt und erlitt eine permanenten Gehirnverletzung. Saeed Ibrahim aus Ni’lin, dessen Vater im Juli 2010 wegen der Organisation der friedlichen Proteste in Ni’lin zu einer 11-monatigen Gefӓngnisstrafe verurteilt wurde, gedachte der fünf getӧteten Mitbewohner aus dem Dorf: “ Am zweiten Tag des Angriffs auf Gaza im Dezember 2008 hielten die Einwohner von Ni’lin eine Demonstration am Checkpoint vor dem Dorf ab, die vom Bürgerkomitee Nil’in gegen die Annexionsmauer organisiert wurde. Solidarität mit Gaza ist nicht akzeptabel und  so setzten die israelischen Streitkräfte scharfe Munition ein und feuerten mehrere Runden auf die jungen Männer. Arafat Ratib Khawaja, 22, erhielt eine Kugel in den Rücken. Mohammad Khawaja, 18, wurde in den Kopf geschossen, über dem rechten Auge, und  Mohammed Srour wurde am Bein getroffen. Arafat starb am gleichen Tag und Mohammed lag drei Tage im Koma, bis er in den ersten Stunden des neuen Jahres verstarb.

Die israelischen Besatzungskräfte weigerten sich, die Ambulanz ins Dorf zu lassen. Wir trugen Mohammed und Arafat zu einem Lastwagen, inmitten der Tränengassalven der Soldaten und es kam uns wie eine Ewigkeit vor, bis die Soldaten endlich dem Roten Halbmond arlaubten, Mohammed und Arafat ins Krankenhaus zu transportieren.

Wir hatten zwei weitere Söhne von Ni’lin in den Protesten gegen die in Gaza begonnenen Untaten verloren.

Zwei hatten wir schon zu Beginn des Sommers verloren: Ahmed Mousa, zehn Jahre alt, wurde am 29. Juli 2008 mit scharfer Munition erschossen. Er hatte mit seinen Freunden auf unserem Dorfland gespielt und ein Soldat erschoss ihn aus nächster Nähe. Bei seiner Beerdigung am nächsten Tag wurde Yousef Amira, der 17 Jahre war, eine gummiummantelten Stahlkugel an den Kopf geschossen und er starb drei Tage später in einem Krankenhaus in Ramallah.

Die israelische Armee versuchte unsere unbewaffneten Demonstrationen mit extremer Gewalt zu beenden. Ni’lin verbleiben noch 7000 Dunam (2800 Hektar) [Land], 30% der ursprünglichen Grösse. Illegale israelische Siedlungen wurden gebaut, wo seit Menschengedenken unsere Olivenhaine standen. Wir wurden unserer Existenzgrundlage beraubt, während Israel mehr und mehr Land unter dem Vorwand der Sicherheit konfiszierte. Eine Strasse wurde mitten durch das Dorf gebaut, um die Siedlungen mit Israel selbst zu verbinden. …Im Frühling des Jahres 2009 feuerte ein Soldate eine 0.22 Kaliber Kugel auf Aqil Srour, als er einem verwundeten Jungen aus dem Dorf helfen wollte. Aqil wurde in der Brust getroffen und starb. Seine Frau erwartete damals gerade ein weiteres Kind. Der Tod von Aqil schockierte mich mehr als die anderen. Ich begegnete ihm, als ich für die Teilnahme an einer Demonstration inhaftiert wurde. Wӓhrend meiner Zeit im Gefӓngnis gab er acht auf mich und half mir.Wir wurden gute Freunde.“

Ni’lin stands in solidarity with Alaqsa as Israel repression increases, 22. November 2014; http://www.nilin-village.org/

http://palsolidarity.org/2010/10/14766/

http://supportibrahim.com/2011/01/08/in-memory-of-nilins-demonstration-in-solidarity-with-gaza-strip-in-27-december-2008/

http://electronicintifada.net/v2/article11399.shtml

 (Zusammengefasst und übersetzt von M.Lauer)