»Verantwortlich für die Gewalt ist die Besatzung«

soldat-kind-omaGespräch mit Helga Baumgarten –
Über den jüngsten Gaza-Krieg, den politischen Kampf der Palästinenser und Perspektiven für eine Zweistaatenlösung –
 

Frage: Ursprünglich wollten wir uns über die Hintergründe des letzten Gaza-Kriegs unterhalten. Unterdessen nimmt die Gewalt kein Ende. Im Internet ist ein aktuelles Video zu sehen, das zeigt, wie israelische Soldaten einen wehrlosen palästinensischen Jugendlichen erschießen. Siedler zündeten am 12.11. eine Moschee nahe Ramallah an. Davon erfährt man in Deutschland wenig, berichtet wird hauptsächlich von Greueltaten, die Palästinenser begangen haben. Sollten wir also eher von einem fortdauernden Kriegszustand sprechen?

Helga Baumgarten: Wir vergessen gern, dass Besatzung, dass militärische Besatzung Gewalt ist. Die Lage in den von Israel seit 1967 besetzten Gebieten ist also ein permanenter Zustand der Gewalt. Gewalt wird auch immer wieder sehr direkt und massiv angewandt, wie etwa während der »Befriedung« des Gazastreifens Anfang der siebziger Jahre und natürlich vor allem während der beiden großen Massenaufstände der Palästinenser gegen die Besatzung, also der ersten Intifada 1987 bis 1991 und dann der zweiten von 2000 bis 2003. Manchmal köchelt sie eher vor sich hin und ist kaum in den Medien reflektiert, systemimmanente Gewalt also. Am vergangenen Dienstag hat der mörderische Anschlag zweier junger Palästinenser aus Ostjerusalem gegen Juden in einer Synagoge im Westteil der Stadt eine neue Gewalteskalation in Gang gesetzt: Vier jüdische Gläubige wurden ermordet, ein Polizist erlag später seinen Verletzungen. Zweifellos ein Schwerverbrechen, verübt an einem Ort, der heilig sein und damit auch allen Menschen, die sich dort aufhalten, grundsätzlich Schutz bieten sollte.

Vergessen wird dabei, vor allem in der westlichen Berichterstattung, dass vor 20 Jahren, nämlich im Februar 1994, ein israelischer Siedler in Hebron in die Ibrahims-Moschee eindrang, bewaffnet mit zwei Maschinengewehren, und 29 Palästinenser, die zum Morgengebet während des Fastenmonats Ramadan in die Moschee gekommen waren, kaltblütig massakrierte. Ein Vergleich drängt sich auf: Mit seinem Massaker im Frühjahr 1994 versuchte der extremistische Siedler Baruch Goldstein, den Osloer Friedensprozess gleich in den Anfängen zu stoppen. Und dies gelang ihm allzugut, wie wir im nachhinein deutlich erkennen können. Das Massaker, das die beiden Palästinenser aus dem Dschabal Al-Mukabar, einem extrem vernachlässigten palästinensischen Stadtviertel im Süden Jerusalems, in der Synagoge in Westjerusalem verübten, als sie mit Messern und Hacken und einer Pistole bewaffnet dort eindrangen, scheint ein furchtbarer Akt der Verzweiflung über das Ende jeder Hoffnung auf Frieden gewesen zu sein, jeder Hoffnung auf eine politische Lösung.

Eingebettet ist dieses jüngste entsetzliche Attentat in eine kontinuierliche Gewalteskalation, die spätestens nach dem Scheitern der Friedensinitiative von US-Außenminister John Kerry im Frühjahr einsetzte. Höhepunkt war bis dato der Krieg, den die israelische Armee in diesem Sommer gegen Gaza führte, mit mehr als 2.100 Toten, in der Mehrzahl Zivilisten, darunter über 500 Kinder.

Die westliche Medienberichterstattung tendiert dazu, auf einem Auge blind zu sein. Das hängt sicher auch mit unserer Grundeinstellung zusammen: Israel repräsentiert für uns einen westlichen Staat, mit Israelis können wir uns identifizieren. Die Palästinenser stehen dagegen für das »Andere«, das »Fremde«, das »Furchterregende«. Und wir akzeptieren allzuleicht das israelische Narrativ, dass die Juden immer die Opfer sind, während die Palästinenser als Täter gebrandmarkt werden.

Hier wird natürlich alles auf den Kopf gestellt: der Staat, der eine wehrlose Gesellschaft seit nunmehr 47 Jahren mit einer militärischen Besatzung unterdrückt, als das Opfer, die Besetzten die Täter.

Vollständiges Interview in der Jungen Welt, 21. November 2014  >>> 

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