Wir als Bewohner des Gazastreifens lieben das Leben und wir tun alles uns Mögliche, um es zu leben

Gaza am 25 Feb. 2018 – Dr. Abed Schokry – Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, wir als Bewohner des Gazastreifens lieben das Leben und wir tun alles uns Mögliche, um es zu leben. Wir sind weder blutrünstig noch Kriegsliebhaber. Das möchte ich mit allem Nachdruck betonen. Wie wir versuchen mit unseren schrecklichen Lebensbedingungen zu leben oder besser zu überleben, will ich an einem Beispiel deutlich machen, und zwar am Beispiel der vollkommen unzureichenden Stromversorgung.

Seit 2006 ist die Stromversorgung im Gazastreifen extrem desolat. Für diesen Zustand sind mehrere Regierungen verantwortlich, allen voran Israel, das uns Bürgern in Gaza die Freiheit raubt (und nicht nur die Freiheit), die palästinensischen Regierungen und nicht zuletzt die Weltöffentlichkeit, die auf dem Rücken der Menschen in Gaza ihre eigenen Interessen durchsetzen will. Weil wir uns also auf niemanden verlassen können, haben wir die Initiative übernommen und immer wieder versucht selbst Lösungen für das Problem der mangelnden Stromversorgung zu finden. Vor einigen Jahren, als noch das Geschäft mit den Tunneln funktionierte, haben wir Stromgeneratoren gekauft und billige Brennstoffe aus Ägypten für die Betreibung der Stromgeneratoren verwendet. Nach dem Aus für die Tunnelgeschäfte, sind wir zu wieder aufladbaren Batterien und Solarenergie Anlagen gegangen. Letztere sind teuer, nicht jeder kann sie sich leisten Aber immerhin haben wir Licht. Außerdem nutzen wir die gerade mal 9 Watt (Lampen) haben und lediglich 12 Volt (LED-Lampen). Dann haben im Augenblick private Stromanbieter eine Marktlücke entdeckt und verkaufen Strom zum achtfachen Preis. Auch wenn es sehr schwer fällt, da das Geld in allen Familien knapp ist, nutzen wir gelegentlich diesen teuren Strom für kurze Zeit.

Wie Sie gehört haben, ist die Wasserversorgung ebenso desolat. Gegenwärtig fließt das Abwasser ungefiltert ins Meer, weil das einzige Elektrizitätswerk abgeschaltet werden musste. Um zu überleben, haben sehr viele Mehrfamilienhäuser selbst (eigenhändig) Brunnen gebaut, um eben nicht auf die Wasserbetriebe zu warten, damit sie uns mit Wasser versorgen. Das Brunnenwasser (kommt direkt aus der Erde und wird nicht behandelt) ist zum einen kontaminiert und zum anderen sehr salzig. Dennoch haben wir somit Wasser und können das fürs Bad usw. verwenden. Das Trinkwasser kaufen wir für viel Geld. Das sind zwei Beweise dafür, dass wir eben keine Terroristen sind. Im Gegenteil, wir versuchen das Leben zu meistern. Wir sind Menschen wie Sie, wir wollen in Ruhe und Frieden leben.

Dass die Menschen in Gaza trotz der extrem schwierigen Lebensumstände immer wieder ihren Überlebenswillen und ihre Kreativität unter Beweis stellen, kann man auch an einem anderen Beispiel sehen. Um zur alltäglichen Lebensmittelversorgung beizutragen, wurden landwirtschaftliche Projekte entwickelt. Neuerdings werden im Gazastreifen Brokkoli und Ananas angebaut. Weder Brokkoli noch Ananas gab es bisher auf den Anbauflächen im Gazastreifen. Wie gesagt, die Menschen in Gaza sind kreativ und wollen überleben. Sie könnten für sich selbst sorgen, würden sie unter Bedingungen leben, die den Bürgern in einem eigenen Staat überall auf der Welt zugestanden werden. Voraussetzung ist, dass wir Zugang zur Welt und auch Zugang zum Weltmarkt hätten.

Die Lage bei uns ist leider sehr sehr sehr miserabel. Und eine Besserung der momentanen Lage ist nicht in Sicht. Die Inner-Palästinensische Versöhnung ist leider nicht vorangekommen, wie alle hier und auch ich natürlich gehofft haben. Die Gründe dafür sind mehr oder weniger undurchschaubar. Es mag einige von Ihnen in Deutschland geben, die glauben, die politischen Gründe dafür klar benennen zu können. Wenn ich die internationale Presse lese, denke ich manchmal, dass die „Experten“ meistens da leben, wo es ihnen gut geht und sie keine Ahnung von unserem Alltag, von unserem Leben im Gazastreifen haben. Von Ferne ist es leicht, gute Ratschläge zu geben.

Eines ist aus meiner Sicht allerdings deutlich. Unsere Probleme werden nicht nur von EINER Seite verursacht, nicht von einer politischen Gruppe allein. Es ist immer bequem einen Schuldigen zu finden. Die Nachrichten in Deutschland, die ich so oft verfolge, betonen immer, dass unser Nachbar sich leider mit Bomben wehren musste, weil eine Rakete irgendwo auf freiem Feld bei ihm landete. Sie wissen es, ich bin gegen Raketen, die abgeschossen werden. Aber ich bin auch gegen die einseitige Schuldzuweisung. Sogar wenn sich Jugendliche INNERHALB des Gazastreifens OHNE Waffen auf den Grenzzaun protestierend zubewegen, scheinen sie der Berichterstattung in Deutschland zufolge eben selbst Schuld zu sein, wenn sie erschossen werden.

Für unsere unerträgliche Situation, tragen die Besatzung, mehrere Staaten und Institutionen die Verantwortung. Ich nenne nur einige, die mir einfallen: die USA, die Europäische Union, die arabischen Staaten, die islamischen Staaten, vor allem Israel, das sich allem Anschein wünscht, die Palästinenser mögen sich in Luft auflösen. Auch die Palästinenser selbst hätten vielleicht über all die Jahre andere Strategien entwickeln müssen, um ihre Situation zu verbessern. Welche das hätten sein können und welche heute sinnvoll wären, weiß ich, ehrlich gesagt, nicht. Ich weiß nur, dass wir Palästinenser in Gaza im größten Freiluftgefängnis der Welt leben und seit mehr als 50 Jahren unter einer unmenschlichen Besatzung leben. Und ich weiß auch, dass diese Situation nicht auf unendliche Dauer gutgehen kann – weder für unseren Nachbarn noch für die Welt und erst recht nicht für uns.

Eine Viertel Million Menschen, mehrheitlich jung und mit universitärem Abschluss findet im Gazastreifen keine Arbeit. Sie hoffen im Ausland eine Perspektive zu bekommen. Natürlich ist diese Hoffnung legitim, ABER die Ausreise aus dem Gazastreifen ist fast unmöglich. Die Grenze zu Ägypten war letztes Jahr lediglich an 21 von 365 Tagen geöffnet. (10 Tage für die Reisenden Richtung Makka, in Saudi Arabien um die Pilgerfahrt zu verrichten). D.h. die Grenze war im Jahr 2017 gerade mal an 11 Tagen geöffnet. Es geht mir nicht zu fragen, warum. Vielmehr geht es mir darum, Ihnen und Euch zu informieren. Über Israel-Jordanien ist es noch schwieriger Gaza zu verlassen. Ich schreibe Ihnen und Euch das heute auch, weil ich nicht weiß, ob es mit meiner um den 20 Juni herum geplante Reise klappen kann oder nicht.
Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass bei uns täglich in den Medien gemeldet wird, dass die Vereinigten Nationen, der UNO Sicherheitsrat, die israelischen Sicherheitsapparate, die israelische Armee, dass sie alle vor der katastrophalen Lage in dem Gazastreifen warnen, weil es zum Aufstand kommen könnte. (Unser UNO-Vertreter bat die Mitgliedstaaten es UNO-Sicherheitsrates die Palästinensischen Gebiete zu besuchen. ich hoffe so sehr, dass es tun werden). ABER es wird nichts unternommen, um dem entgegenzuwirken. Neulich hatte ich das Radio in der Küche an und meine 11 jährige Tochter sowie mein siebenjähriger Sohn hörten mit, was im Radio gesendet wurde. Es ging darum, ob nun der Krieg gegen Gaza kurz bevor stünde. Meine Tochter sagte daraufhin: „Vielleicht ist es besser, wenn Krieg kommt. Dann ist Krieg und der ist irgendwann vorbei und wenn wir dann noch leben, müssen wir nicht mehr jeden Tag Angst haben.“ Leider denken viele Menschen in Gaza wie meine Tochter, alte und junge Menschen, Frauen und Männer. Was jetzt läuft, ist aus meiner Sicht eine Zuckerbrot und Peitsche Politik. Etwa so: Wenn Ihr brav seid, dann bekommt Ihr dieses oder jenes (eine Stunde mehr Strom oder es dürfen dann Nudeln in den Gazastreifen importeiert werden), seid Ihr aber unartig, so bekommt Ihr nichts und werdet weiter bestraft.

Wir wollen ein Leben in Freiheit und Würde. Wir wollen nicht, dass immer mehr Blut vergossen wird und Menschen sterben. Wir wollen es nicht und ich will es von ganzem Herzen nicht, dass sich die Menschen immer mehr Leid zufügen. Ich möchte, dass sich die Menschen besinnen und ihnen deutlich wird, dass jeder nur EIN Leben hat. Und dieses eine Leben darf nicht zum Spielball der Mächtigen werden. Ich wünsche mir für alle Menschen und ganz besonders auch für meine Kinder, dass die Vernunft siegt und alle in Frieden UND Freiheit leben können.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und liebe Freunde, Wir in Gaza brauchen und bitten Sie um Ihre Unterstützung, damit wir und unser Nachbar nun in Frieden und Ruhe leben können, damit meine Kinder, Ihre Kinder und die Kinder dieser Welt ebenso in Frieden und Ruhen leben können. Dieses Mal habe ich Ihnen wieder geschrieben, was mich beschäftigt. Diese Gedanken machen mich oft deprimiert und ich neige dann dazu alles aufzugeben. Und ich kann Ihnen und Euch nicht so schnell antworten. Dann weiß ich, dass der Pessimismus mich im Griff hat. Ich muss dann aufpassen, dass ich meinen Pessimismus los werde und ihn in Optimismus umwandeln kann. Dank manchen unter IHNEN und EUCH, schaffe ich es dann zum Glück auch. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, denn sie stirbt zuletzt. Bitte tun Sie, was in Ihrer Macht steht, damit diese Hoffnung niemals stirbt und dass die Zukunft tatsächlich besser wird. Hoffentlich noch für mich und vor allem für meine Kinder und schließlich für alle Menschen in Gaza und in der Westbank, die unter der Situation leiden. Ihnen und Euch alles Gute und mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbleibe ich heute mit freundlichen Grüßen Ihr Dr. Abed Schokry