Analyse: Weshalb der jüngste palästinensische Attentäter nicht abgeschreckt wurde

Ob Fadi al-Qanbar die Auffahr-Attacke von Sonntag in Jerusalem geplant hat oder es eine spontane Entscheidung war, er wußte genau, welche Kollektivstrafe seiner Familie bevorstand.

Er wußte, dass seine Leiche der Familie nicht für eine Bestattung zurückgegeben würde – ein besonders demütigender und schmerzlicher Schlag. Er wußte, dass seine Angehörigen sofort verhaftet und in der Haft geschlagen würden. Dass einige von ihnen von ihrem Job im Westjordanland gefeuert würden. Und dass weibliche Familienangehörige ohne israelische ID-Karte, die mit Bewohnern von Jerusalem (mit Residenzerlaubnis) verheiratet sind, von ihrem Heim vertrieben und von ihren Kindern getrennt werden können.

Er wußte, dass seine Familie über Monate, vielleicht Jahre von Polizei und staatlichen Behörden schikaniert würden. Er wußte, dass das Heim seiner Familie zerstört werden würde. Genau so ist es anderen palästinensischen Angreifern in Ost-Jerusalem ergangen. .. Allein in seinem Wohnviertel Jabal Mukkaber hat Israel in den letzten sechs Monaten von 2015 drei Häuser zerstört und zwei weitere versiegelt. Sie alle gehörten zu Familien von Terroristen. „Versiegeln“ bedeutet, dass in das Heim bis wenige Zentimeter unter der Decke Beton gegossen wird… Die Tatsache, dass Eltern, Kinder, Großeltern, Nichten und Neffen, die ihr Heim verlieren, nichts mit dem Attentat zu tun haben, ist irrelevant.

Israel und die Justiz des Obersten Gerichtshofs sehen die (Haus)zerstörung als legitime Bestrafung und effektive Abschreckung derer, die einen Terroranschlag in Betracht ziehen. Was schwerer wiegt, Qanbar wußte sicher, dass seine Kinder nicht nur ihren Vaters verlieren würden, sondern auch entweder gewalttätig werden oder sich zurückziehen würden – und wenn sie im Schulalter sind, ihre Schulnoten leiden würden, ebenso wie ihre Gesundheit. Aber das hat ihn nicht abgeschreckt…

Eine Gruppe uniformierter Soldaten ist für keinen Palästinenser ein neutraler Anblick. Es ist das Aussehen und die Bekleidung derer, die jede Nacht in dutzende palästinensische Häuser eindringen, die an den Checkpoints Frauen und Kinder erschießen, die zum Angriff auf den Gazastreifen geschickt werden, die Mitglieder (eig. forces) der Zivilverwaltung zur Zerstörung von Wasserzisternen, Mobiltoiletten, Blechhütten und Zelten begleiten. Dass die Israelis diese Fakten von ihrer Agenda gestrichen haben, bedeutet nicht, dass sie nicht existieren.

Israel wird ohne Zweifel sagen, dass die Zahl der palästinensischen Angreifer ohne die Abschreckungsmethoden höher wäre. Oder im Gegenteil – dass man härter durchgreifen müsste. Die Palästinenser sehen allerdings die israelischen Vergeltungsmaßnahmen als normalen Teil der generellen Politik ihnen gegenüber, nicht als eine Reaktion…

Mit oder ohne tödliche Anschläge erweitert (Israel) seine Siedlungen, stranguliert die palästinensische Wirtschaft und plant die Vertreibung von Palästinensern aus Ortsteilen und Häusern in Jerusalem… 

Amira Hass – 09.01.2017

Übersetzung: K. Nebauer

Quelle des englischsprachigen Originals: Mondoweiss