»Wir leisten Widerstand, um zu leben« Saeed Amireh

Gewalt als Sackgasse: Palästinensische »Volkskomitees« setzen auf andere Aktionsformen. Gespräch mit Saeed Amireh

In den vergangenen Monaten bestimmten militante Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Jugendlichen und israelischen Soldaten die Berichterstattung im Zusammenhang mit dem Konflikt um Palästina. Ihre Herangehensweise ist eine andere. Sie organisieren den gewaltfreien Widerstand. Was sind Ihre Ak­tionsformen?

Der gewaltfreie Ansatz ist für die palästinensische Widerstandskultur nichts Neues, schon im Widerstand gegen die britische Mandatsmacht im Jahr 1936 gab es gewaltfreie Aktionen. Wir sind ein Volk, dessen Land besetzt ist – wir haben das Recht, Widerstand zu leisten, und wir sind stolz auf jede Form des Widerstands. Wir haben allerdings gesehen, dass der gewaltfreie Widerstand am effektivsten gegen die Besatzung ist. Schließlich ist es doch so: Wenn wir Israel mit Steinen angreifen, schießen sie mit Maschinengewehren. Wenn wir uns Maschinengewehre besorgen, kommen sie mit Kampfjets. Es ist ein ungleicher Kampf. Sie sind die Besatzer, wir sind das Volk unter Besatzung.
Wir haben uns also entschieden, Formen des lokalen Ungehorsams zu schaffen, so sind die Volkskomitees entstanden.

Was kann man sich unter den Volkskomitees vorstellen?

Es ist eine Graswurzelbewegung, die die Bauern einer Gemeinde und ihre Familien repräsentiert. Politische Parteien sind natürlich willkommen, sich uns anzuschließen, aber alles findet mit der gleichen Strategie statt, und unter einer Fahne – der Fahne Palästinas.
Unser Ziel ist es, in so vielen Dörfern wie möglich regelmäßige Demonstrationen gegen die Besatzung und die Apartheid in all ihren Formen abzuhalten. Je mehr Orte dabei mitmachen, desto schwerer wird es für den israelischen Staat, die Situation zu kontrollieren. Gleichzeitig machen wir auf der Ebene der internationalen Gemeinschaft Druck. Wir wollen erreichen, dass sie für uns das gleiche tut wie damals gegen die Apartheid in Südafrika. Natürlich braucht diese Art des Widerstands viel Mut. Unbewaffnet in den Lauf einer Waffe zu schauen, ist schwer. Wir können so aber viel mehr Menschen mit einbeziehen, sowohl israelische Friedensaktivisten als auch internationale Aktivisten und die Medien. So können wir unseren Kampf in die Welt und in die israelische Gesellschaft tragen – und die Besatzung so kostspielig wie möglich machen.

Seit fast 70 Jahren leisten die Palästinenser Widerstand, mal gewaltfrei, mal bewaffnet. Die Situation hat sich aber nicht grundlegend geändert. Wie könnte für Sie eine Lösung aussehen?

Der bewaffnete Widerstand ist immer eine Form der Reaktion auf israelische Angriffe oder auf die Besatzung. Wir wollen aber andere Aktionsformen erarbeiten. Ob es am Ende eine Einstaaten- oder eine Zweistaatenlösung ist, spielt dabei gar keine große Rolle. Unsere oberste Priorität ist, dass die internationale Gemeinschaft so viel Druck auf Israel ausübt, dass es sich an alle Konventionen und Verträge hält, die es unterschrieben hat. Also auch die Genfer Konvention. Das muss zuerst erreicht werden. Danach können wir diskutieren, ob es am Ende ein, zwei oder drei Staaten sind, oder gar kein Staat. Wenn alle in Frieden, Sicherheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit leben, fehlt uns nichts. Das ist alles, wofür wir kämpfen.

Wie kann die internationale Solidaritätsbewegung Sie in Ihrem Kampf unterstützen?

Da gibt es zwei große Felder. Zuerst muss ein Bewusstsein für die Realität in den besetzten Gebieten geschaffen werden. Der zweite Schritt ist, dass möglichst viele Menschen unseren Aufruf nach »BDS – Boycott, Divestment and Sanctions – (Boykott, Kapitalabzug und Sanktionen) unterstützen. Es geht dabei um jede Form des Boykotts: wirtschaftlich, kulturell, akademisch und auch militärisch. BDS ist dabei ein Werkzeug, um Druck auf Israel auszuüben und den Staat zu zwingen, sich an internationales Recht zu halten und die Besatzung zu beenden.
Außerdem sind wir natürlich auch auf ganz handfeste Hilfe angewiesen. Jeder kann unsere Bewegung unterstützen, sei es durch das Spenden von Kameras oder Direkthilfe in Palästina, um die Existenz der Menschen zu sichern. Am Ende ist es doch so: Wir leisten Widerstand, um zu leben.

Saeed Amireh kommt aus dem Dorf Ni’lin, westlich von Ramallah. Er ist Menschenrechtsaktivist und ehemaliger politischer Gefangener.

Quelle: Junge Welt   >>>