Ni’lin: Protest in Solidaritӓt mit Yarmouk und gegen Isolierung und Landverlust

Demonstration in Ni'lin, Palästina

Am 10. April 2015 feuerte die israelische Armee bereits Trӓnengas und Plastikstahlkugeln in Richtung der wӧchentlichen Demonstration im Dorf Nil’in in der Westbank, bevor alle Teilnehmer sich in der Nӓhe der Schule versammelt hatten, um gegen die israelische Apartheidmauer und den fortgesetzten Landverlust zu demonstrieren. Der Protest war der Abschluss einer Woche von Aktivitӓten gegen Israels Kolonialregime und betonte die Solidaritӓt mit den Palӓstinensern im Flüchtlingslager Yarmouk im Süden der syrischen Hauptstadt Damaskus.

Anfӓnglich waren die Demonstranten in zwei Gruppen eingeteilt. Wӓhrend eine Gruppe die Aufmerksamkeit der israelischen Soldaten auf einer Seite festhielt, erreichte eine zweite Gruppe von Dorfbewohnern unbeachtet die Apartheidmauer. Dort sammelten die palӓstinensischen, internationalen und israelischen Aktivisten Brennholz und Reifen, um einen Teil der Betonmauer zu zerstӧren. Wenn das heisse Feuer der Gummireifen mit kalten Wasser gelӧscht wird, bilden sich nach Erfahrung der Aktivisten Risse im Beton aufgrund des schnellen Temperaturwechsels. Zwei Soldaten entdeckten den Rauch und rannten sofort zur Stelle und zerstreuten die Gruppe mit Trӓnengas.

Die Trӓnengaswolken trieben beide Gruppen zum Dorf zurück, wo sie sich zusammenschlossen, um den Protest fortzusetzen. Die heissen Trӓnengasgranaten lӧsten in den Weizenfeldern einige Brӓnde aus, die aber von Teilnehmern gelӧscht wurden.

Die israelische Armee verfolgte die Demonstranten agressiv und ein massiver Beschuss mit Trӓnengas und Plastikstahlkugeln zwang die Aktivisten zum Rückzug in ein verlassenes Haus. Eine international Aktivistin berichtete, dass eine Trӓnengasgranate haarscharf an ihrem Kopf vorbeiflog. Die Demonstranten beendeten ihren Protest, als die Armee den bewohnten Hӓusern zunahekamen, wo kleine Kinder spielten und Frauen die Wӓsche aufhӓngten.”Wir wollen unseren Protest nicht fortsetzen, wenn er dem Dorf zu nahe kommt, weil wir so oft erlebt haben, dass die Soldaten schliesslich [ins Dorf] eindringen und das ganze Dorf durchkӓmmen,” sagte der ӧrtliche Aktivist Saeed Amireh. Ein anderer palӓstinensischer Aktivist fügte hinzu:” Wir werden sowieso am nӓchsten Freitag zurückkehren. Im Moment bedaure ich nur, dass ich die Soldaten auf Arabisch miteinander sprechen hӧrte, als sie auf uns anrückten.”

Ni’lin und die umgebenden Dӧrfer verloren etwa 40.000 Dunum von insgesamt 58.000 Dunum (5,8 km2) nach der Nakba von 1948. Weitere 8 Quadratkilometer wurden durch die israelische Besetzung der Westbank im Jahr 1967 und den Bau der illegalen israelischen Siedlungen Kirgat Sefer, Mettetyaho und Makabbem gestohlen. Ni’lin verlor weitere 2,5 km2 durch die Konstruktion der Apartheidmauer und einer israelischen Armeebasis im Süden des Dorfes. Heute steht den Bauern in Ni’lin nurch noch 7,5 km2 zur Verfügung. Die Zahl der Dorfbewohner stagniert seit langem mit etwa 5.000 Einwohnern. Im Vergleich zum Bevӧlkerungswachstum in durchschnittlichen palӓstinensischen Orten müsste die Zahl der Einwohner fünfmal so hoch sein. Aber fortgesetzte Landannexionen und die Arbeistlosenrate – nach inoffiziellen Schӓtzungen bis zu 60 Prozent – haben seit der Nakba das Wachstum verhindert.

Dieser Tage wird Ni’lin durch die bereits genehmigten Bauplӓne für einen Tunnel unter dem Ort gefӓhrdet. Der Tunnel wird unter einer bereits gebauten Strasse, die nur von Siedlern benutzt werden darf, verlaufen und den derzeitigen Haupteingang zum Dorf ersetzen. Das Hauptziel des Tunnels ist die totale Kontrolle der palӓstinensischen Bevӧlkerung. Wenn der Tunnel gebaut ist, wird Ni’lin zusammen mit den naheliegenden Dӧrfern von Siedlungen eingekreist sein. Die Dorfbewohner werden wie in einem Gefӓngnis leben und die ӧrtliche Wirtschaft wird vollkommen zerstӧrt.

Die Proteste des Dorfes Ni’lin wurden von Beginn an mit extremer Gewalt unterdrückt. 2008 erschoss ein israelischer Soldaten einen zehnjӓhrigen Jungen. Insgesamt wurden fünf Dorfbewohner getӧtet und zahlreiche Teilnehmer verletzt. Neben dem Trӓnengas, den Plastikstahlkugeln und den Schockgranaten setzt die israelische Armee scharfe Munition ein und den “Stinkwagen (Skunk), der Felder, Hӓuser und Menschen mit einer überlriechenden chemischen Mischung besprüht, die sich kaum entfernen lӓsst und zum Erbrechen führen kann.

Am vergangenen Freitag wurde niemand verletzt, aber ein 16-jӓhriger Teenager an der Spitze des Protestes mit einem weissen Kopfverband und der palӓstinensischen Fahne in der Hand, der in der vorherigen Woche verletzt wurde, erinnerte sowohl an die Brutalitӓt der Armee wie an den zӓhen Durchhaltewillen der Palӓstinenser.

International Solidarity Movement, Ni’lin Filled with Tear Gas during Demonstration against Continued Loss of Land and Isolation, Imemc, 12. April 2015; http://www.imemc.org/article/71211
Siehe auch den Bericht über den Freitagsprotest in Kufr Qaddum