Abed Schokry – Aktuelle Meldung aus Gaza

07-19-_abd_al-halim_al-masri_houseSehr geehrte Damen und Herren, Liebe Freundinnen und Liebe Freunde, Gaza am 22 März 2015 –  – Sie haben sicher bemerkt, dass bei Ihnen über den Gazastreifen kaum noch in den Medien berichtet wird. Aber wir sind noch da UND wir LEIDEN!

Die Lage ist immer noch katastrophal. Mit jedem neuen Tag verlieren wir mehr die Hoffnung, dass Sie uns hören, dass Sie uns nicht alleine lassen, dass Sie sich für uns und unsere Rechte einsetzen. Ich habe den Eindruck, die Welt hat uns vergessen. Denn ich merke, dass die Medien nur dann über uns berichten, wenn es kracht und wenn es Tote und Verletzte gibt. Das ist die traurige Wahrheit. Ich weiß ja, dass es woanders auch Probleme gibt. Aber glauben Sie mir, wenn Sie dazu beitragen würden, dass wir als Palästinenserinnen und Palästinenser unsere Rechte erhalten, dann könnten viele Probleme im Nahen Osten gelöst werden.

Vielleicht sagen Sie „Was können wir schon tun?“ Sicherlich ist das nicht einfach, aber Sie können von uns sprechen, z.B. mit Ihren Freunden, Verwandten, Arbeitskolleginnen und -kollegen, vielleicht sogar mit Ihren Politikern am Ort. Ich glaube, es ist wichtig, dass nicht über uns in Gaza und auch über die Palästinenser in der Westbank geschwiegen wird, über unsere unakzeptable Situation unter der Abriegelung und Besatzung. Ich wünsche mir, dass wir in unserer bedrückenden Lebenssituation überhaupt wahrgenommen werden.

Sie haben die israelischen Wahlen und ihre Ergebnisse sicherlich mitbekommen und Sie wissen, dass der amtierende Ministerpräsident die Wahlen gewonnen hat (als stärkste Partei im israelischen Parlament). Es ist eine interne israelische Sache, wen die Israelis wählen, das müssen wir als Palästinenser akzeptieren, auch wenn es uns nicht besonders gefällt. Letztlich sind das eben die Spielregeln der Demokratie.

Sie werden sich vielleicht wundern, aber ich denke, dass dieses Ergebnis für uns im Grunde sogar besser ist, denn bei Herrn Netanjahu wissen wir, was auf uns zukommen wird. Bisher war das nichts Gutes. Im Unterschied zu anderen macht er keine schönen Worte und Versprechungen, die sowieso nicht eingehalten werden. Er versteckt sich nicht hinter Friedensfloskeln, sondern spricht offen aus, was er vorhat und führt dies dann auch ohne Rücksicht auf sein Ansehen in der Welt aus. Und vor allem auch ohne Rücksicht auf die Rechte der Palästinenser.

Von unserer Seite hören wir, dass die palästinensische Einheitsregierung mit dem Gewinner der Wahlen weiterhin verhandeln will. Nun ja, nichts dagegen, aber was ist, wenn der Gewählte, wenn Netanjahu gar nicht verhandeln will. Was ist, wenn er deutlich sagt, dass er gegen die Zwei-Staatenlösung ist? Was ist, wenn er uns mit weiteren Sanktionen bedroht, wenn wir wieder zu Schuldigen gemacht werden, weil es bei uns Menschen gibt, die sogar ihr UND unser Leben aufs Spiel setzen, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sehen?

Was sollen wir nun tun? Was würden Sie tun, wenn Sie an unserer Stelle wären, meine verehrten Damen und Herren? Wenn Sie nicht einmal fliehen könnten, wenn Sie wollten? Wenn Sie sich mit dieser ausweglosen Situation abfinden sollten? Wenn immer nur von Ihnen verlangt wird, das Unrecht hinzunehmen?

Viele Menschen bei uns in Gaza sind depressiv, verzweifelt und oft mutlos, manche sind aufbrausend und einige sogar manchmal aggressiv. Aber ist das ein Wunder? Soviel zu diesem Thema.

Und nun zu unserem Alltag. Der Wiederaufbau geht mit Schneckentempo bergauf. Die Trümmerhaufen neben dem Haus meiner Schwiegereltern sind nun weggeräumt worden. Meine Schwiegereltern können endlich mit dem Wiederaufbau richtig loslegen, was auch schon geschehen ist. Allerdings sind die Baumaterialien immer noch nicht ausreichend vorhanden und die Preise sind teilweise extrem hoch. Viele Familien im westlichen Teil der Stadt Gaza können sich kein Baumaterial leisten, wenn es denn überhaupt welches gibt.

Ein altes und leider immer sehr aktuelles Problem ist die STROMVERSORGUNG und damit verbunden alle weiteren Probleme. Betroffen sind die Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung, die Krankenhäuser, die kleinen Betriebe, die den letzten israelischen Krieg halbwegs überlebt haben. Ja, das ganze Leben ist betroffen, wenn es keinen Strom gibt. Das wissen Sie, wenn Sie nur einen Moment darüber nachdenken.


Wir haben nur ca. drei Stunden Strom am Tag. Das kann tagsüber sein, wenn wir bei der Arbeit sind oder nachts, wenn wir, wie alle Menschen auf der Welt, schlafen. Was die Menschen in Europa oder anderswo am Tage machen, müssen wir dann nachts machen, z.B. stellen wir dann nachts schnell die Waschmaschine an, kochen für den nächsten Tag, verbinden uns durch E-Mails mit der Welt und stellen den Fernseher an, um mitzubekommen, was es Neues gibt in dieser verrückten Welt.

Mit dem Humor der Verzweiflung ist mir der folgende Brief zum Thema eingefallen. Sehr geehrte Frau Elektrizität und sehr geehrter Herr Strom, es ist nun höchste Zeit für mich, mich bei Ihnen zu melden. Und bitte verzeihen Sie mir, denn ich hätte diesen Brief schon vor Jahren an Sie verfassen und senden müssen. Leider kam ich nicht dazu, weil man uns immer wieder nach dem Leben trachtete. Das Geräusch der Drohnen, der Kampfflugzeuge, der Schüsse, der einstürzenden Häuser hat mich wiederholt davon abgelenkt Ihnen zu schreiben. Deshalb kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern, wann Sie uns das letzte Mal aufgesucht haben und wie ein guter Freund dann auch ganz selbstverständlich geblieben sind.

Ich weiß ja, dass Sie sehr viel zu tun haben und dass Sie sehr beschäftigt sind, dennoch bitte ich Sie darum, uns doch ein wenig von Ihrer kostbaren Zeit und Energie zu widmen. Die ganze Welt weiß, dass wir in Gaza sehr gastfreundlich sind. Es mag sein, dass es Menschen gibt, auf die das nicht unbedingt zutrifft, aber das ist wirklich eine sehr kleine Minderheit, die ich sogar als Ingenieur, dem Exaktheit wichtig ist, vernachlässigen kann. Also kommen Sie doch bitte so schnell wie möglich zu uns. Wir werden uns um Sie kümmern und für Ihr Wohlergehen bei uns sorgen. Sie werden bei uns sehr verwöhnt, denn wir schätzen und achten Sie sehr. Bitte kommen Sie auch nicht alleine zu uns, gerne können Sie auch Ihre Frau mitbringen. Kinder sind immer bei uns auch immer sehr willkommen. Und Ihre Kinder – sie heißen doch Spannung und Widerstand, wenn ich mich recht erinnere – können sehr gern mit unseren Kindern zusammen spielen. Gerne bekochen wir Sie auch mit unseren traumhaften Speisen aus dem 1001 Nacht-Geschichtenbuch. Das alles entgeht Ihnen, wenn Sie nicht kommen. Ich rechne aber sehr mit Ihrem baldigen Besuch und dauerhaften Aufenthalt bei uns.

Auch der Frühling ist schon da. Ich muss aber zugeben, dass es nicht der Frühling wie früher ist. Vor zwanzig Jahren hat man den Frühling überall im Gazastreifen gerochen. Der Duft der Zitrusblüten lag damals in der Luft. Das war sehr sehr angenehm, es war einfach wunderbar. Die Menschen blickten hoffnungsvoll in die Zukunft, sie warteten auf den Sommer, die Stimmung war heiter und zuversichtlich. LEIDER ist es heute nicht wie früher. Sehr viele Menschen leben heute in diesem kleinen Küstenstreifen, der etwa die Größe von Bremen hat. Es ist eng geworden. Ganze Plantagen sind zerstört worden, viele der gepflegten Gärten sind vom Schutt
der zerbombten Häuser bedeckt. Es duftet in unseren Straßen nicht mehr. Die Menschen sind angespannt, fühlen sich gestresst, kaum sieht man noch ein Lächeln. Die Beziehungen der Menschen untereinander leiden, die Hoffnung ist verschwunden. Wären da nicht die Kinder, die trotz all ihrer Ängste und Schrecken, die sie erleben mussten, dennoch lachen und uns Freude machen, wir würden verzweifeln.

Aber das Leben geht weiter, wir hoffen auf eine bessere Zukunft und Sie können uns dabei helfen. Ich flehe Sie an, Frau Elektrizität und Herr Strom, machen Sie keinen Bogen um den Gazastreifen, kommen Sie so schnell Sie können vorbei und helfen Sie uns, unser Leben erträglicher zu machen. Es wird Ihnen bei uns bestimmt sehr gefallen. Wir rechnen mit Ihnen und freuen uns auf Sie. Mit erwartungsvollen Grüßen Ihr Dr. Abed Schokry