Weshalb müssen Israels Juden für die arabische Liste stimmen?

 Diejenigen, die noch zögern, weil die „Gemeinsame Liste“ eine „arabische Partei“ ist, sollten sich an die Rolle erinnern, die die Juden im afrikanischen Nationalkongress während der Zeit der Apartheid gespielt haben.

Die „Gemeinsame Liste“ ist ein deutlicher Lichtstrahl in dieser Wahlsaison (this election season). Für viele Araber ist es wichtig, für sie zu stimmen, und für viele Juden ist es nicht weniger wichtig, dasselbe zu tun. Für jeden, der von moralischen und ethnischen Standardwerten geleitet wird, gibt es keinen anderen Weg, als Empathie zu zeigen und Protest zu bekunden.

Diejenigen, die zögern, weil es sich um eine „arabische Partei“ handelt, sollten sich an die Rolle erinnern, die die Juden in dem afrikanischen Nationalkongress während der Zeit der Apartheid gespielt haben. Sie sind nicht davor zurückgeschreckt, dass es eine schwarze Bewegung war. Vermutlich haben sie nicht gezögert, weil es nicht ihr Kampf war.

Der ANC war die Bewegung der unterdrückten Einheimischen Südafrikas und die Gemeinsame Liste ist die Bewegung der unterdrückten Einheimischen Israels.  Es gab ein paar südafrikanische Juden mit Gewissen, die nicht nur den ANC unterstützt, sondern auch für ihn gekämpft haben, die verwundet und mit ihren schwarzen Kameraden geächtet wurden.

Während sie damals als Verräter denunziert wurden, sind sie heute eine große Quelle des Stolzes –auch für Juden: Joe Slovo, der Kommandeur des militärischen Flügels des ANC, der ein Kabinettminister in der Regierung nach der Apartheid wurde; Ronnie Kasrils, Albie Sachs, der Richter bei dem südafrikanischen Verfassungsgericht wurde, und Ben Turok, der Parlamentsmitglied wurde – sie waren unter den vielen, die Schulter an Schulter mit den unterdrückten Schwarzen gekämpft haben, trotz – oder vielleicht auch gerade, weil sie weiße Juden waren, die sich aller Privilegien des Apartheitregimes erfreuten.

Von den Juden in Israel wird zur Zeit weniger verlangt. Sie werden aufgerufen, sich mit einer neuen Partei zu identifizieren, die ein Versprechen für etwas Neues bietet. Man sollte ihr Versäumnis nicht ignorieren, mehr Juden auf ihre Schiefertafel zu setzen, und es ist auch in Ordnung, wütend darüber zu sein, dass sie kein Stimmengewichtungs-Abkommen mit Meretz unterzeichnet hat. Man kann im Hinblick auf zukünftige Beziehungen und die verschiedenen Komponenten skeptisch sein, aber jeder, der von einer wirklichen Wende träumt, nicht davon, Premierminister Benjamin Netanyahu durch Isaac Herzog zu ersetzen, muss für die Gemeinsame Liste stimmen. (Prime Minister Benjamin Netanyahu with Isaac Herzog).

Welche bessere Option gibt es für den israelischen Wähler, der die Besatzung der Territorien und den Ultranationalismus in Israel nicht mehr ertragen kann, oder diese Finte, dass Israel jüdisch und demokratisch ist, oder die Ungerechtigkeiten des heutigen Zionismus, und der vielleicht den Schluss zieht, dass die Zweistaatenlösung tot ist? Für wen werden sie stimmen?

Sind viele andere Parteiführer so beeindruckend, so beredsam und erfrischend wie Ayman Odeh? Gibt es viele andere so herausragende Parlamentsmitglieder wie Ahmad Tibi, Jamal Zahalka, Dov Khenin und sogar, ja, sogar Haneen Zoabi? Gibt es irgendeine andere Partei, die nicht die „Unterstützung für Israels Verteidigungsarmee“ zu Beginn jedes sinnlosen Krieges verlangt?
Wenn die überwiegende Mehrheit der Araber für sie stimmt, werden sie zum ersten Mal einen politischen Dialog in Israel eingehen -zum Ärgernis von fast allen anderen Parteien.

Wenn auch noch viele Juden für sie stimmen, können wir beginnen, von einer „Spielwende“ zu sprechen und eventuell sogar von einem guten Omen.

Stellen Sie sich nur einmal vor: Die Gemeinsame Liste sei die dritt stärkste Partei in der Knesset. Die Koalition bestünde aus Netanyahu, Herzog und Yair Lapid. Odeh sei der auserkorene Führer der Opposition – der Erbe von Menachim Begin, Shimon Peres, Yitzhak Shamir, Ehud Barak, Netanyahu und sämtlicher Premierminister, die die Position einmal inne hatten.

Der Premierminister ist verpflichtet, ihn „mindestens einmal pro Monat“ über sicherheitstechnische und diplomatische Maßnahmen zu unterrichten. Das Recht verlangt von ihm, sich nach jeder Rede des Premiers an die Knesset zu wenden. Ausländische Staatshäupter des Staates treffen ihn und hören seine Sichtweisen. Als Symbol der Regierung wird er von dem Shin Bet-Sicherheitsdienst beschützt. Vielleicht hat Israel zum ersten Mal in seiner Geschichte einen wahren Oppositionsführer.

Ein paar Stereotypen werden in einem einzigen, nicht imaginären Akt zerschlagen, was auch zu einem tiefen Wandel des Bewusstseins führen könnte.

Odeh könnte uns dennoch überraschen, da er bereits viele Israelis überrascht hat, die sich der Existenz der Kombinationen von „Araber und beeindruckend“ und „Palästinenser und charmant“ noch nicht einmal bewusst waren. Seine Partei muss viele Stimmen bekommen, damit dieser Prozess beginnt. Seine Freunde müssen ihn unterstützen und viele Juden müssen den israelischen ANC wählen, der beweisen könnte, dass er das hat, was nötig ist, um die Errichtung eines zweiten Apartheidsstaates zu verhindern, den Apartheidsstaat des Landes, Israel.

– Gideon Levy – 8. 3. 2015

  – Aus dem Englischen übersetzt von Inga Gelsdorf