„Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS), eine Anregung der „Solidarischen Kirche im Rheinland“

Deutsche Kritiker israelischer Politik, die die international wirksame Kampagne „Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS, seit 2005) unterstützen, werden häufig als „Antisemiten“ oder „Israel-Hasser“ verdächtigt oder gebrandmarkt. Dabei wird oft aus Unkenntnis oder mit Absicht  nicht erwähnt, dass seit 1988 in Israel selbst zu solchen Boykottmaßnahmen aufgerufen wird – von FriedensaktivistInnen und Menschenrechtsgruppen, Historikern und anderen WissenschaftlerInnen, Literaten und Journalisten, Knesset-Abgeordneten und Israel-Preisträgern. Hinzu kommen mehr als 20 jüdische Organisationen in verschiedenen Ländern.

2009 verschaffte der Ökumenische Rat der Kirchen mit seinen 349 Mitgliedskirchen in 120 Ländern dem Boykottaufruf als Teil des Kairos-Palästina-Dokuments auch im kirchlichen Bereich Gehör. Über 30 Kirchen bzw. kirchliche Organisationen schlossen sich dem weltweit an.

Frühe Boykottmaßnahmen in Israel

1988 ruftdie sozialistische Organisation „Matzpen“ während der ersten Intifada dazu auf, keine Produkte aus jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten zu kaufen. Der Aufruf  enthält eine Liste von Siedlungsprodukten.

Im selben Jahr verpflichtet sich die Gruppe „Das 21. Jahr“, Institutionen und Produkte von Geschäften zu boykottieren, deren palästinensischen Angestellten faire  Arbeitsbedingungen verweigert werden, ferner die in den Siedlungen produzierten Waren zu boykottieren und jeden militärischen Befehl, der auf Unterdrückung  in den besetzten Gebieten zielt, zu verweigern.  

1997 ruft die Friedensinitiative Gush Shalom Israelis, die USA und Länder, die Handelsverträge mit Israel gemacht haben, dazu auf, Produkte aus den jüdischen Siedlungen zu boykottieren.  

 2001rufen 35 Israelis und Juden anderer Nationalitäten, darunter Nachkommen von Holocaust-Opfern,„die Weltgemeinschaft auf, Israels industrielle und landwirtschaftliche Exporte und Waren zu boykottieren als auch den Freizeittourismus in der Hoffnung, dass diese das selbe positive Ergebnis hat, wie der Boykott von Südafrika auf die Apartheid. […] Diejenigen die die legitimen Ziele/ Hoffnungen der Palästinenser vernichten, sollten die Konsequenzen ihrer eigenen bitteren Medizin spüren. […]“Die 35 Unterzeichner werden von weiteren 994 weltweit unterstützt.

Im März 2002 löst der israelische Angriff auf Orte und Flüchtlingslager in der Westbank („Jenin-Massaker“) eine Protestwelle auch in Israel aus. Nach dem Bau der „Apartheidmauer“ im Juli protestiert eine wachsende Zahl von AktivistInnen gegen die Besatzung und plädiert für die Unterstützung von Boykott- und Deinvestment-Kampagnen.

Im April 2002 appellieren zehn Akademiker an die EU und die European Science Foundation, Israel nicht länger zu unterstützen.  

Mehr als 120 AkademikerInnen unterzeichnen den Aufruf (darunter 10Israelis: Prof. Daniel Amit, Jerusalem; Iris Bar, Haifa; Prof.Emanuel Farjoun, Jerusalem; Prof. Rahel Giora,Tel Aviv; Prof. Eva Jablonka,Tel Aviv; Dr. Haggai Katriel, Haifa; Prof. Smadar Lavie, Tel Aviv; Prof. Ilan Pappé, Haifa; Prof. Zwi Razi, Tel Aviv; Prof. Tanya Reinhart, Tel Aviv; Dr. Tuvia Shlonsky, Jerusalem).

Daraufhin fordert die  „Kommission der Direktoren der Organisation von Professoren und Lehrern der Höheren Bildung an britischen Institutionen Höherer Bildung“ dazu auf, jede zukünftige akademische Zusammenarbeit mit Israel genau abzuwägen – mit dem Ziel sie abzubrechen.  

Im April 2002 ruft eine von 180 Personen unterstützte „Kunst-Boykott-Petition“ KünstlerInnen aus aller Welt dazu auf, alle Ausstellungen oder andere kulturelle Veranstaltungen, die in Israel stattfinden sollen, zu streichen.   

2003 wird – von der südafrikanischen Widerstandsbewegung angeregt – die israelische Aktionsgruppe „Anarchisten gegen die Mauer“ gegründet. Viele ihrer Mitglieder bilden später den Kern der BDS-Kampagne von 2005 (s.u.).  

Im Mai 2003 ruft Ilan Pappé, Professor für politische Wissenschaften in Haifa (s. auch April 2002) zu einer „Deinvestment-, Boykott-, Anti-Apartheids-Kampagne“ gegen Israel auf. Der Vergleich mit Südafrika sei zwar schwierig, doch die palästinensischen Lebensbedingungen seien „viel schlimmer als in Südafrika die Apartheid“.

Anfang 2005 plädiert das Israelische Komitee gegen Hauszerstörungen (ICAHD) für Handels-Sanktionen gegen Israel wegen Verletzung des mit der EU vereinbarten Assoziations-Abkommens, das den Verkauf von Siedlungsprodukten unter dem Etikett „Made in Israel“ verbietet. ICAHD wirbt für „Boykott von Siedlungsprodukten und Gesellschaften, die den Siedlungsbau fördern“ und ruft Regierungen, Handelsunionen, Universitätsgemeinschaften, religiöse Organisationen dazu auf, „alles zu tun, was möglich ist, um Israel für seine Besatzungspolitik und -aktionen verantwortlich zu halten“.

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