Friedlicher Protest in Ni’lin: Gewalt, Trӓnengas und Festnahmen

Er wird in zwei Wochen heiraten, wenn er nicht verhaftet wird,” so beschreibt Saeed Amireh die Situation seines Bruders, der von der israelischen Armee auf eine Liste von geplanten Festnahmen gestellt wurde, weil er sich an den friedlichen wӧchentlichen Protesten gegen Israels Besatzungsregime in der besetzten Westbank engagiert.

Hier ist der Bericht vom Protest am 16. Januar 2015: Die Soldaten, die Ni’lin umstellten, zӧgerten nicht, sie feuerten das Tränengas, sobald die Dorfbewohner hinunter zu ihren Olivenhainen liefen. Wer trotz Kälte und Regen an Ni’lins wöchentlichem Freitagsprotest teilnehmen wollte, wurde zur Umkehr gezwungen und rannte keuchend vor den Tränengaswolken weg, die von den Hügeln geschickt wurden. Von der Strasse entlang der Felder sah das Tränengas wie eine Nebelschicht aus, die Ni’lins Olivenhaine zudeckte.

“Sie kamen entweder direkt auf uns zu oder auf die Ambulanz,” sagte ein Mitglied der Internationalen Solidaritätsbewegung [International Solidarity Movement – ISM]. Die Soldaten feuerten die Kanister überallhin, auf unbewaffnete Demonstranten und auf Aktivisten, die das Geschehen filmen wollten.

Die Teilnehmer an den Demonstrationen in Ni’lin, von den palästinensischen Sanitätern zu den jungen Kindern, haben gelernt, dass sie jeden Freitag rennen müssen, Tränengas einatmen, dass sie die Gewalt der israelischen zionistischen Armee bei der Kolonialisierung ihres Landes erleben. Die palästinensischen, israelischen und internationalen Aktivisten sagten übereinstimmend, dass der Protest in der vergangenen Woche relative ruhig war, niemand wurde angeschossen, niemand  musste ins Krankenhaus, niemand wurde festgenommen.

In den vergangenen Wochen hat das Dorf allerdings eine Kampagne der Gewalt und der Festnahmen in den Nachtrazzien der israelischen Armee erlebt, die die palästinensischen Familien in Ni’lin terrorisierte.

Saeed Amireh, ein Aktivist aus Ni’lin, der seit langer Zeit über die Unterdrückung des Dorfes berichtet, sprach mit den Freiwilligen der ISM über die Situation des Westbankdorfes. In den vergangenen zwei Wochen wurden zehn Bewohner festgenommen, in Razzien, die beinahe jede zweite Nacht durchgeführt wurden. 25 Menschen wurden seit dem 4. November verhaftet.

Saeed erklärte, dass ein Gefangener aus Ni’lin beim Verhör im Muskubiya Gefängnis in Jerusalem ( dem russischen Lager) ein Papier unterschrieben hatte, in dem 36 Dorfbewohner angeklagt wurden. Die Menschen auf dieser Liste, die bisher noch nicht festgenommen wurden, leben ständig in der Furcht, dass sie aus dem Haus geschleppt und den brutalen Verhören in Israels Apartheid-Gerichtswesen unterzogen werden.

 Saeed sprach von den Bedingungen, die Palästinenser in den israelischen Gefängnissen erleben: monatelange Isolierhaft in winzigen Zellen, brutale Behandlung durch Mitgefangene, israelische Spione, Strategien der Israelis, um Menschen dazuzubringen, dass sie Dinge zugeben, die sie nie gemacht haben. Um endlich eine Freilassung zu erreichen, unterschreiben manche Gefangene eine Liste von Namen von Dorfbewohnern, die dann von der israelischen Armee festgenommen und der gleichen Behandlung unterzogen werden. Zur Zeit befinden sich mehr als 40 Dorfbewohner in israelischen Gefängnissen.

 Ein Mitglied der ISM fragte, wie Leute auf der Fahndungsliste der israelischen Behörden landen. “Sie nehmen an den Protesten teil,” antwortete Saeed. Selbst wenn ein Palästinenser vollkommen friedlich handelt. “Sie klagen einen an, dass man sich an illegalen Protesten beteiligte.” Es ist eine der Absurditäten der Besatzung, dass die israelischen Behörden verlangen, dass ein Dorf eine Genehmigung von ihnen beantragt, damit Palӓstinenser einen Protest gegen die illegal Konfiszierung ihres Landes durchführen kӧnnen.

In den Nachtrazzien umstellt die israelische Armee das Haus des Opfers, stürmt das Haus und stellt die Einrichtung auf den Kopf; israelische Soldaten haben auch mit dem Einsatz von scharfer Munition im Dorf begonnen. Saeed erklärte, dass manche Leute vor der drohenden Verhaftung flüchten. In der vergangenen Woche feuerten die israelischen Soldaten mit scharfer Munition auf einen Mann, der nachts aus seinem Haus entkommen wollte. “Wenn die Leute schlafen, kommen sie nachts und feuern Tränengas, was bei vielen zu Atemschwierigkeiten und Erstickungsanfällen führt. Die israelische Armee bringt dazu eine auf einem Armeejeep montierte Maschine, die grosse Mengen von Kanistern abfeuern kann. “Sie produziert eine Wolke am Boden. Sie schießen auf alle Häuser.”

 Saeeds Familie lebt auf der süd-östlichen Seite des Dorfes, neben den Olivenhainen. Diese Häuser kommen bei einer Razzia zuerst in die Schusslinie der Armee. Das Haus seines Onkels brannte ab. Im Haus des Nachbarn erstickte beinahe ein einjähriges Baby. “Sie dachten, es würde sterben, weil das Tränengas ins Haus eindrang.” Das Baby musste ins Krankenhaus gebracht werden. Einige Palästinenser mussten ebenfalls ins Krankenhaus, als sie bei den letzten Demonstrationen it gummi-ummantelten Stahlkugeln verletzt wurden.

Die medizinische Versorgung des Dorfes ist angesichts der ständigen Gewalt unzureichend. Das medizinische Zubehör reicht nicht aus, deshalb können nicht genug Freiwillige den zwei Sanitätern an der Station helfen. Die medizinische Einrichtung des Dorfes wird nicht vor den Einfällen der Armee verschont. Ein freiwilliger Mitarbeiter des Roten Halbmondes berichtet von einem Überfall der Armee vor zwei Jahren, der mit einem Einschussloch in der Station und einem Riss in der Decke des vierten Stocks endete. Die Soldaten hatten das Gebäude beschossen, obwohl sich dort nur medizinisches unbewaffnetes Personal befand. “Es ist ihnen egal” sagte der Mitarbeiter.

Wenn sich jemand aktiv an den Demonstrationen beteiligt, schießen die Soldaten auf ihn, um ihn zu verletzen und ausser Gefecht zu setzen. Die Soldaten schossen einen der zwei Sanitäter im Dorf ins Bein und er musste ein Jahr lang zur Physiotherapie gehen.

 Der Widerstand hat eine lange und stolze Tradition im Dorf, Ni’lin beteiligte sich an der erste ud zweiten Intifada und am derzeitigen friedlichen palästinensischen Widerstand gegen die israelische Apartheidmauer. Die Nachtrazzien der israelischen Aree sind ein Versuch, um die Dorfbewohner zu demoralisieren und zu spalten und vom Widerstand abzuhalten. Das Dorf hat bereits einen hohen Preis für die Teilnahme am Widerstand der Bevölkerung gegen die Annexion ihres Landes durch den Bau der Apartheidmauer und der fünf umgebenden israelischen Siedlungen bezahlt. Von 2008 bis 2009 wurden fünf Menschen getötet, viele wurden durch die Gewaltmassnahmen der israelischen Armee verletzt und leiden bis heute unter den Folgen dieser Verletzungen. Obwohl die Mauer und die Siedlungen nach internationalem Recht illegal sind, werden die Teilnehmer an den Protesten gegen diese Rechtsverletzungen angegriffen und vor Gericht gestellt.

 Saeed berichtete, dass in den letzten Monaten selten internationale Aktivisten und keine Journalisten nach Ni’lin kamen und die Brutalität der Armee folglich zunahm. Die Armee rückte dem Dorf immer näher und bedrohte die gewaltlosen Demonstranten: Ein palästinensischer Journalist, der den Regen und das Tränengas beim letzten Protest erlebte, berichtete von einer vorhergehenden Demonstration, dass ein Soldat ihm drohte, seine Hand und seine Kamera zu brechen, sollte er nicht mit dem Filmen aufhӧren.

Saeed sprach von der schweren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bürde der Besetzung: “Man kann nichts planen.” Weder Studium noch Prüfungen, Arbeit oder Familienleben. Saeeds Bruder will in zwei Wochen heiraten, aber er ist auf der “Wunschliste” der israelischen Behörden.” Er wird in zwei Wochen heiraten, wenn er nicht verhaftet wird.”
http://palsolidarity.org/2015/01/violence-in-nilin-village-repression-tear-gas-and-arrests/
Violence in Ni’lin Village: Repression, Tear Gas and Arrests, International Solidarity Movement, 20. September 2015; http://www.imemc.org/article/70306
Related Link(s): http://www.imemc.org/newswire?search_text=International…3E%3E     (Zusammengefasst und übersetzt von M.Lauer)